Muriel Mirak-Weißbach

Retter oder Täter?

Es bleibt ein Makel der deutschen Politik, dass sie im Ersten Weltkrieg nichts wirklich Ernsthaftes unternommen hat, um den osmanischen Bündnispartner am Völkermord an den Armeniern zu hindern. Mehr noch. Auf ministerielle Anordnung wurde die Presse angewiesen, nichts über die Verfolgung der Armenier und die Massaker an ihnen durch den türkischen Bundesgenossen zu berichten. Doch da- mit nicht genug. Einige deutsche Offiziere haben sich an der Ab- schlachtung der christlichen Völker sogar beteiligt. Keiner der Ver- antwortlichen und Mitverantwortlichen ist dafür jemals zur Rechenschaft gezogen worden.
Doch gab es einen hochrangigen Offizier, der sich anders verhielt. Seine Name: Otto Liman von Sanders, seit 1913 Leiter der deutschen Militärmission in der Türkei und bekannt geworden als Befehlshaber der 5. Osmanischen Armee, die er 1915 zum Sieg in der Schlacht um Gallipoli führte, womit er den Truppen der Entente eine empfindliche Niederlage bereitete. Wiederholt weigerte er sich – wie die gerade im Donat Verlag erschienene Biographie von Muriel Mirak- Weißbach belegt – den Deportations- und Ausrottungsbefehlen des türkischen Innenministers Talat Pascha Folge zu leisten, drohte gegen die Maßnahmen einzuschreiten, und rettete so in der Küstenregion von Smyrna Tausenden von Armeniern und Griechen (1916/17) sowie zahlreichen Juden in Palästina (1918) das Leben.
Von manchen seiner Offizierskollegen wegen seiner jüdischen Herkunft angefeindet, geriet Otto Liman von Sanders aufgrund von Verleumdungen und Gerüchten aus griechischen Kreisen 1919 auf Malta in britische Kriegsgefangenschaft. Die Vorwürfe, ein Kriegsverbrecher und am Genozid an den Armenier beteiligt gewesen zu sein, er- wiesen sich jedoch als haltlos – und er kehrte in seine Heimat zurück.
Ausgerechnet 100 Jahre nach dem Beginn des Völkermords (1915) hat der Magistrat der Stadt Darmstadt seiner letzten Ruhestätte den Status eines Ehrengrabes aberkannt. Trotz der Proteste hält er unge- achtet der Verdienste Otto Liman von Sanders‘, der sich wie wenige deutsche Offiziere in einer weltgeschichtlich schwierigen und angespannten Lage überaus bewährt hat, weiter an seiner Fehlentschei- dung fest. Offenbar hängt er der Auffassung an, dass deutsche Offiziere im Ersten Weltkrieg nichts Ehrenhaftes getan haben können. Die ausgewogene Biografie von Muriel Mirak-Weißbach kommt zu einem anderen Ergebnis. Ein Buch, dem Schritte folgen sollten.

208 Seiten, 43 Abbildungen, Hardcover, 16.80 € – ISBN 978-3-949116-08-7

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Die Autorin
Muriel Mirak-Weißbach, Journalistin und Schriftstellerin, als Tochter armenischer Einwanderer in den USA geboren, nach dem Studium in Mailand tätig als Universitäts dozentin für Anglistik, danach Mit- arbeiterin internationaler Blätter (Schwerpunkt: politisch-kulturelle Entwicklungen in der arabischen und islamischen Welt); Publikatio- nen über Literatur und Philologie; seit zwanzig Jahren zunehmend mit der Geschichte und Kultur Arme- niens befasst und (ab 2012) Kor- respondentin des US-„Armenian Mirror-Spectator“. Zusammen mit ihrem Ehemann leitet sie eine Stif- tung zur Unterstützung sozialer und kultureller Projekte in Armenien.

Muriel Mirak-Weissbach-2021



Aus dem Inhalt
Prolog
Konstantinopel 1913
Gallipoli 1915
Genozid 1915-1917
Palästina 1918
Gefangenschaft auf Malta 1919
Deutschland 1919
Jerewan 2019
Die Ehre
Deutsche Tragödie?
Tessa Hofmann: Otto Liman von Sanders – Versuch einer Annäherung
Theodor Malade: Marschall Liman von Sanders in Panormos, November 1916
Helmut Donat: Armenien-Retter Otto Liman von Sanders und die „Ehre der deutschen Armee“
Constantin Makris: Marschall Otto Liman von Sanders und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe der Beteiligung am Völkermord an den Armeniern und Griechen
Lebenslauf von Otto Liman von Sanders